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Der Anfang des Aufstandes Gegen die Dahien




О lieber Gott! welch' ein grosses Wunder !
Als man anfing im Lande Serbien,
Im Serbiens Lande sich zu rühren,
Bahn zu brechen einer and'ren Ordnung,
Hold dem Streite sind da nicht die Knezen, 5
Noch die Türken sind es, die Vielfrasse,
Doch kampfbereit ist die arme Raja,
Die nicht vermag Globa herzugeben,
Noch türkische Willkühr zu ertragen ;
Und kampfbereit sind die Gottgerechten, 10
Denn es triefte die Erde vom Blute,
Wohlan, Zeit ist's, in den Kampf zu ziehen,
Für die Ehre des Kreuzes zu bluten,
Auf dass jeder seine Ahnen sühne.
Mit dem Himmel drohen die Heiligen, 15
Und sie lassen manch' Wahrzeichen sehen
Auf dem heit'ren Himmel von Serbien;
Dies Wahrzeichen erschien da das erste:
Vom Triphonstag bis sanct Georgstage
Stieg allnächtlich auf die Mondesleuchte, 20
Auf damit sich die Serben erheben,
Doch die Serben durften es nicht wagen.
Da erschien nun das zweite Wahrzeichen :
Vom Georgstag bis zum Tag Demetris
Wandelten da blutgetränkte Fahnen 25
Auf dem heit'ren Himmel von Serbien,



Auf damit sich die Serben erheben,
Doch die Serben durften es nicht wagen.
Da erschien nun das dritte Wahrzeichen :
Donner erdröhnt am sanct Sabbastage, 30
Gar zur Unzeit, in Mitte des Winters,
Blitze zuckten am Kettenfest Petris,
Und vom Osten erbebte die Erde,
Auf damit sich die Serben erheben
Doch die Serben duriten es nicht wagen. 35
Da erschien nun das vierte Wahrzeichen:
Auf dem heit'ren Himmel von Serbien,
Im Frühjahre brach hervor die Sonne,
Im Frühjahre am sanct Triphonstage,
Dreimal bricht sie vor an einem Tage, 40
Und erzittert zu dreimal im Osten.
Staunend seh'n dies die belgrader Türken,
In der Festung all die sieben Dahis :
Aganlija und Kučuk-Alija,
Die zwei Brüder, die zwei jungen Fočić 45
Memed-aga mit sammt dem Mus-aga,
Mula Jusuf, der grosse Dahia,
Derwisch-aga, der Festungsverwalter,
Und der greise, hundertjähr'ge Fočo,
All' die sieben traten sie zusammen, 50
Knapp bei Belgrad, an dem Stambolsthore,
Eingehüllt in scharlachrothe Mäntel,
Betrachten sie tief betrübt die Zeichen:
-Seh't doch Brüder! welche Wunderzeichen !
„Dies, Gefährten, deutet uns nichts gutes." 55
Und voll Kummer all` die sieben Dahis,
Sie beschafften ein gläsernes Becken,
Gossen hinein Wasser aus der Donau.
Und trugen es zur Kula Nebojscha,
Und stellten es oben an die Kula, 60

In das Becken leiten sie die Sterne,
Um zu deuten aus den Himmelszeichen,
Was aus ihnen mag zuletzt noch werden.
Die Dahien umringten das Becken,
Und erblickten ein Schattenbild d'rüber, 65
Als sie näher dasselbe besahen,
Da offenbart ihrem Äug' sich Alles,
Als dies All' die sieben Dahis sahen,
Ergriffen sie den stählernen Nadžak,
Und zerschlugen das gläserne Becken, 70
Schleuderten es von der blanken Kula,
Von der blanken Kula in die Donau,
Dass vom Becken keine Spur verbleibe.
Und voll Kummer all' die sieben Dahis,
Sie verliessen sorgenvoll und traurig 75
Die Nebojscha, Kula der Jakschice,
Zieh'n von dannen zu der grossen Kawa,
Und setzten sich in der grossen Kawa,
Reih'weis einer neben den anderen,
Foco dem Greis den Ehrensitz lassend, 80
Dem der weisse Bart den Gürtel decket,
Nun da riefen all' die sieben Dahis :
„Schnell hieher ihr Hodzas und Wajise!
„Bringet herbei die Indžila Bücher,
..Deutet uns da was selbe besagen, 85
„Was aus uns wohl mag zuletzt noch werden."
Und die Hodzas und Wajise eilten
Und sie brachten die Indžila Bücher;
Forschen darin und vergiessen Thränen,
Und sie sprechen zu den Dahis also : 90
„Türken, Brüder, all' ihr sieben Dahis !
„Also sagen die Indžila Bücher :
„Da als derlei Wahrzeichen erschienen
„Auf dem heit'ren Himmel von Serbien,

„Seither sind es fünfhundert der Jahre, 95
„Da brach das Reich der Serben zusammen,
„Ihr Zarenreich haben wir erobert.
.,Und getödtet zwei wlachische Zare:
„Den Konstantin in Mitte zu Bisanz, 19j
„Nächst demScharaz, nächst dem kühlenFlusse,100
„Und den Lazar auf dem Amselfelde;
„Wegen Lazar fiel Murat durch Milosch,
„Doch hat Milosch ihn nicht gut getroffen,
„Denn der Murat blieb da noch am Leben,
„Bis die Serben uns gänzlich erlagen, 105
„Sodann rief er zu sich die Wezire :
„Türken, Brüder, Lalen und Wezire l
„Seh't ich sterbe, euch ein Reich erkämpfend,
„Doch befolget was ich euch da sage,
„Auf damit euch lang die Herrschaft währe: 110
„Verbittert nicht das Leben der Raja,
„Vielmehr seid ihr sehr gütig der Raja ;
„Fünfzehn Dinars betrage der Harač,
„Er betrage auch dreissig Dinare ;
„Lasset gehen die Globa und Steuer, 115
„Und bringet nicht in's Elend die Raja;
„Rühret nicht an ihre Gotteshäuser,
„Nicht den Glauben, nicht die Ehr' derselben;
„übet ihr nicht Rache an der Raja,
„Weil von Milosch ich erdolchet wurde, 120
„Also wollt' es das Heldetiglück haben;
„Das Zarenreich kann man nicht erringen,
„Ewig Tabak auf dem Polster rauchend ;
„Ihr sollet nicht die Raja verjagen,
„Dass scheu vor euch sie in Wälder fliehe, 125
„Liebt die Raja wie die eig'nen Kinder,
„Also wird euch lang die Herrschaft währen;
„Doch solltet ihr dieses nicht befolgen,

„Und übet ihr Gewalt an der Raja,
„Dann werdet ihr um's Zarenreich kommen. 130
„Der Zar verschied, wir sind da geblieben,
„Und wir folgten nicht des Zaren Worte,
„Wir begannen Willkür auszuüben :
„Erniedrigten und kränkten die Raja,
„Ihr zufügend aller Arten Unbill; 135
„Wir bürdeten Globa auf die Raja,
„Und haben uns gegen Gott versündigt.
„Nun da kamen jene Wunderzeichen,
„Nun kommt jemand um die Zarenherrschaft;
„Keinen König möget ihr da fürchten, 140
„Ge'n den Zaren wird kein König ziehen,
„Noch sein Reich wird gegen das des Zaren,
„Denn ein solches ist von Gottes Gnaden ;
„Doch hütet euch von der armen Raja,
„So sich Krampe und Haue erhebet, 145
„Schlecht ergeht es den Türken Medinas,
„Jammer ergreift Siriens Türkinen,
„Schmerzerfüllet von Seite der Raja.
„Türken, Brüder, all' ihr sieben Dahis!
„Also sagen die Indzila Bücher : 150
„Eure Häuser gehen auf in Flammen,
„Dir Dahien kommet um das Leben ;
„Gras wird keimen aus euerem Herde, |
„Die Minarets zieht Spinngeweb' über,
„Niemand wird da den Jezan verkünden ; 155
„Dort wo uns're Strassen sind und Pflaster,
„Und wo Türken auf und abgezogen.
„Eingerissen mit den Pferdehufen,
„Gras wird keimen aus dem Strassenpfahle,
„Strassen werden sich nach Türken sehnen, 160
„Doch da wird es keine Türken geben.
„Also sagen die Indžila Bücher."
2*

Als dies all' die sieben Dahis hörten,
Sie verstummten gleich den Stummen alle,
Und sie senkten die Blicke zur Erde, 165
Niemand kann da mit dem Buche rechten,
Noch dem Buche Gegenrede stehen
Fočo der Greis, wand den Bart nach oben,
Und den weissen knikt er mit den Zähnen,
Auch er kann nicht mit dem Buche rechten, 170
Auch er staunet ob solcher Geschichte;
Doch es schweigt nicht Fočić Memed aga,
Er schweiget nicht, wohl ruft der Held also:
„Fort von da, ihr Hodžas und Wajise !
„Betet zu Gott, verkündet den Jezan, 175
„Je zu fünfmal eines jeden Tages,
„Führt nicht Sorge uns der Dahis wegen;
„So wir Verstand und Gesundheit haben,
„So wir Belgrads Feste innehaben,
„Wohl vermögen wir darin zu rechten, 180
„Und ringsherum mit der armen Raja.
„Wenn Könige gegen uns nicht ziehen,
„Wie so kann uns die Raja bedrohen,
„Haben wir doch, wir der Dahis sieben,
„Jeder von uns eine Kammer Schatzes? 185
„Welch' ein Schatz wohl ? lauter Golddukaten,
„Lauter wüste und liegende Goldschatz;
„Wir doch Brüder, wir der Dahis viere,
„Aganlija und Kučuk-alija,
„Dann ich selber und der Mula-Jusuf, 190
„Haben jeder jenes wüsten Schatzes,
„Ungezählet je zwei Schatzkammern;
„So wir uns da, wir Viere erheben,
„Uns erheben auf die leichten Füsse,
„Die Kammern mit dem Schatz eröffnen, 195
„Und Ruspien auf das Pflaster streuen,

„Mit Dukaten werben wir das Kriegsvolk;
„Dann werden wir der Grossdahis Viere,
„Auf vier Theile unser Heer vertheilen,
„Auf vier Theile gleich der Brüder viere, 200
„Zieh'n von dannen aus unserer Festung
„Durch siebenzehn unserer Nahien,
„Hauen nieder alle Serbenkneze,
„Alle Knezen. Häuptlinge der Serben,
„Und die Kmeten, deren sie bedürfen, 205
„Und die Popen, Rathgeber der Serben,
„Wir belassen nur thörichte Kinder,
„Thöricht Kinder bis zu sieben Jahren,
„Die werden da wahre Raja werden,
„Und vortrefflich die Türken bedienen. 210
„So ich hinmach' den Knez Palalija,
„Aus dem schönen Dorfe Begaljiza,
„Er ist Pascha und ich "bin Subascha.
„So ich hinmach' auch den Knezen Jowan,
„Aus Landowa, dem niedlichen Dorfe, 215
„Er ist Pascha und ich bin Subascha.
„Und Stanoja Knezen aus Zeoka,
„Er ist Pascha und ich bin Subascha.
„So ich hinmach' den Stewo Jakowljew,
„Aus Lijewča, dem Hajdukenneste, 220
„Er ist Pascha und ich bin Subascha;
„Dann den Knezen Jowan aus Krsniza.
„So ich hinmach' beide Čarapiće,
„Aus dem Beli-Potok von Awala,
„Die an Wračar sich da heranwagen, 225
„Um die Türken Belgrads einzuschliessen,
„Er ist Pascha und ich bin Subascha.
„So ich hinmach' den schwarzen Gjorgjije,
„Aus Topola, aus dem hehren Dorfe, "
„Der da schachert mit dem wiener Kaiser, 230

„Der im Stand' ist das Pulver zu kaufen,
„So die blanke Wardeins Festung berget,
„Und die Waffen die da sind zu brauchen,
„Der im Stand' ist ge'n uns loszuziehen,
„Er ist der'Zar und ich bin Subascha. 235
„So ich hinmach' Protopop Nikola,
„Aus Ritopek, aus dem schönen Dorfe,
„Er ist Pascha und ich bin Subascha.
„So ich hinmach' den Gjorgje Guzonja,
„So wie dessen Bruder Arsenija, 240
„Aus Zeljeznik, aus dem schönen Dorfe,
„Der da waget Topčider zu sperren ;
„So ich hinmach' den Protopop Marko,
„Aus dem schönen Dorfe Ostružniza,
„Er ist Pascha und ich bin Subascha. 245
„So ich hinmach' die zwei Igumane,
„Hadži Gjero und den Hadži Ruwim,
„Die da kundig sind das Gold zu schmelzen,
„Schmucke Briefe mit diesem zu schreiben,
„Uns Dahien vor dem Zar verleumden, 250
„Und ringsherum die Raja belehren,
„Sie sind Paschas und wir sind Subaschas,
„So ich hinmach' Birčanin Ilija,
„Oberknezen unterhalb Medžednik,
„Nun da sind es drei Jahre soeben, 255
„Seit gewaltig er sich überhebet:
„Wo er wandelt, reitet er den Rappen,
„Und den zweiten führt er an der Seite ;
„Den Buzdowan trägt er an dem Sattel,
„Unter'm Kalpak berget er den Schnurbart, 260
„Sein Knezenland muss der Türke meiden,
„Wo den Türken er darinnen findet,
„Mit dem Topuz bricht er ihm die Rippen, .
„Und bevor noch der Türke da endet,

„Rufet er schon zu seinen Hajduken : 265
„Wohlan, Diener l werfet hin das Hundlein,
„Wo der Rab' ihn die Knochen nicht findet.""
„Und so er uns die Steuer da bringet,
„In den Rathsaal tritt er ein bewaffnet,
„Den Jatagan fasst er mit der Rechten, 270
„Mit der Linken legt er vor die Steuer:
„„Memed-aga, da hast du die Steuer,
„„Grüssen lasset dich die arme Raja,
„„Dass sie mehr dir nicht vermag zu geben.""
„Ich beginne die Steuer zu zählen, 275
„Und ihm zucken Blitze aus den Augen:
„„Memed aga willst du sie da zählen?
„Hab' doch einmal ich sie abgezählet.""
„Und ich wage weiter nicht zu zählen,
„Werf die Steuer so an meine Seite, 280
„Kaum erwartend dass der Unhold schwinde,
„Denn sein Anblick ist mir unerträglich;
„Er ist Pascha und ich bin Subascha.
„So ich hinmach' Grbowić den Knezen,
„Aus Mratischić, aus dem schönen Dorfe, 285
„Er ist Pascha und ich bin Subascha.
„So ich hinmach' Aleksa den Knezen,
„Aus dem schönen Dorfe Brankowina,
„Und den Jakow Bruder des Aleksa:
„Als der Zar und Kaiser sich zerkriegten, 290
„Da wurden sie Oberste beim Kaiser,
„Und sie trugen goldgezierte Mützen,
„Sie plünderten alle Türkenstädte,
„Beraubten sie und brannten sie nieder,
„Und als Frieden Zar und Kaiser schlössen, 295
„Da haben sie dem Zar sich ergeben,
„Und sie wurden Kneze bei dem Zaren,
„Verleumdeten vor dem Zar die Türken,

„Sieben Paschas die sie da verleumdet,
„Durch Verleumdung brachten sie um's Leben; 300
„Sie sind Paschas und wir. sind Subaschas.
„So ich hinmach' den Tawnaer Knezen,
„Aus Ljutiza den Oberknez Stanko;
„So ich hinmach' den Mečvaer Knezen,
„Aus Bogatić Lazar Martinowić, 305
„Er ist Pascha und ich bin Subascha.
„So ich hinmach' den Pozerjer Knezen,
„Von Metkowić Ruzičić Mihajlo,
,,Er ist Pascha und ich bin Subascha.
„So ich zünde Rača an der Drina, 310
„Und hinmache Hadži Melentija,.
„Der über's Meer das graue gesegelt,
„Und gepilgert zur wlachischen Ćaba,
„Dann unterwegs auch Stambol besuchte,
„Und dort erschlich den Ferman vom Zaren, 315
„Ge'n ein hundert blanker Golddukaten,
„Um den Wlachen ein Bethaus zu bauen,
„D'ran zu bauen volle sieben Jahre,
„Wo ein Jahr ihm hingereicht zum Baue,
„Nun da sind es sechs Jahre soeben, 32O
„Seit er Kulas nächst der Kirche bauet,.
„Die Kulas da mit Pulver versorget
„Und herbeischleppt nächtlich die Geschütze;
„Merk', Gefährte, er führt was im Schilde !
„Dann werden wir die Kreise durchziehen, 325
„Niedermachen alle Serbenkmete.
„Wie so kann uns die Raja bedrohen ?"
All' die Dahis sprangen aut vom Sitze,
Verneigten sich vor dem Memed aga:
„Dank, Gefährte, Fočić Memed aga ! 330
„Dein Verstand ist eines Pascha würdig,
„Wir werden dich zum Pascha erheben,

„Dich werden wir überall befolgen "
„Da begann nun Greis Fočo zu reden:
„Sieh' den Jungen! sieh' doch welche Weisheit! 335
„Welch' ein Wort da erhob dich zum Pascha!
„Nehme, Söhnlein, Fočić Memed-aga.
„Nimm Stroh in die weissgepflegten Hände,
„Schwinge das Stroh über flammend Feuer:
„Wähnst du damit das Feuer zu löschen, 340.
„Und nicht vielmehr heller anzufachen ?
„Ihr seid im Stand', Gott hat euch gewähret,
„Solch1 gewaltig' Kriegsheer anzuwerben,
„Ziehen könnt ihr, Söhnlein, durch die Kreise;
„Einen Knezen könnet ihr da täuschen, 345
„Heranlocken ihn auf Treu' und Glauben;
„Treu' und Glauben werdet ihr einbüssen,
„Einen tödten, zwei werden entfliehen,
„Tödtet zweie, viere werden gehen,
„Diese brennen euch die Häuser nieder, 350
„Ihr Dahien kommet um das Leben.
„Doch möget ihr anders euch besinnen,
„Und wollet ihr mich den Greis erhören:
„Ich iorschte da in uns'rer Indžila
„Dies unsrerseits wird nicht lange währen, 355
„Denn der Umsturz droh't dem Zarenreiche
„Darum, Söhnlein, seid der Raja gnädig :
„Setzet herab den Harač der Raja,
„Wie dieses auch Murat einst gerathen ;
„Lasset gehen die Globa und Steuer; 360
„Nehmet fleissig Bedacht auf die Knezen,
„Schenk't den Knezen arabische Rosse
„Und den Kmeten gewöhnliche Gaule,
„Mit den Popen vertraget euch gütlich,
„Auf damit wir nebenbei bestehen, 365
„Also wird es hier nicht lange währen.

„Und wozu euch mehr des wüsten Schatzes ?
„Den verbrauchen vermöget ihr nimmer."
Doch es sprechet Fočić Memed-aga :
„Dich, den Alten, hör' ich nicht mein Vater." 370
Also sprach er, schwang sich auf vom Sitze,
Es folgten ihm die übrigen Dahis,
Und sie lösten die Festungs Geschütze,
Mit Dukaten warben sie das Kriegsheer,
Sie. die Viere, die grossen Dahien, 375
Aganlija und Kučuk-alija,
Mula-Jusuf, Fočić Memed aga,
In vier Gruppen theilten sie das Kriegsvolk,
Ihrer Viere, gleich der Brüder viere,
Und sie zogen durch die Festungsthore 380
Mit dem Heere, Blutgericht zu halten,
Hin durch ihre siebenzehn Nahien.
Nun zuerst, vor allen Serbenknezen,
Ist als Opfer ihrer List gefallen :
Palalija, der Kneze in Grozka ; 385
Auch Stanoja, Knezen aus Zeoka,
Betrogen sie und hieben ihn nieder,
In dem eig'nen, in dem blanken Schlosse.
Sie betrogen den Čarapić Marko,
Betrogen ihn und hieben ihn nieder; 390
So auch Gagić Janko Buljubascha,
Aas dem Dorfe, dem niedlichen Beloč;
Sodann fiel auch Teophan, der Kneze,
Aus Oraschje, unweit Semendrija;
Ja auch Petar, der Knez aus Resawa, 395
Auch der Jüngling Mato Buljubascha,
Aus Lipowaz unweit Kragujewaz,
Ist als Opfer ihrer List gefallen;
Zu der Kirche Morawiza drängend,
Machten sie da Hadži-Gjero nieder, 400

Während Ruwim sie zur Festung schleppten,
Und denselben darin niedermachten.
Memed-aga erschien in Waljewo:
Doch Grbičić war gewärtig dessen,
Und Grbičić flüchtete zur Seite. 405
Doch es stellt sich Oberknez Aleksa,
Und es stellt sich Birčanin Ilija,
Memed-aga nimmt beide gefangen,
Und er lässt sie an Händen gefesselt
Zu der Brücke Kolubara schleppen ; 410
Als Oberknez Aleksa nun merkte,
Dass die Türken sie beide hinmachen,
Sprach er da zu Fočić Memed-aga:
„O! du Herr, du Fočić Memed aga !
„Schenk' das Leben mir am Heldenplatze, 415
„Hier da hast du sechzig Beutel Goldes."
Ihm enviedert Fočić Memed-aga:
„Du Aleksa kannst mir nicht entgehen,
„So mir gäbest hundert Beutel Goldes."
Doch es redet Birčanin Ilija: 420
„O! du Herr du Fočić Memed aga!
„Schenk' das Leben mir am Heldenplatze,
„Hier hast du auch hundert Beutel Goldes."
Dem enviedert Fočić Memed-aga :
„Sprich nicht thöricht Birčanin Ilija! 425
„Wer Hesse noch den Gebirgswolf laufen?"
Und zum Henker rief nun Memed-aga,
Jener reisset den Säbel zum Hiebe,
Und enthauptet fiel Ilija nieder.
Da begann nun, auf der Brücke sitzend, 430
Knez Aleksa dermassen zu reden :
„Jeden Christen möge Gott erschlagen,
„Der bei'm Türken! Treu' und Glauben wähnet !
„Ach. du Jakow, mein wahrhafter Bruder!

„Such' bei'm Türken du nicht Treu' und Glauben, 485
„Wo sich's zutrifft, schlag' dich mit dem Türken."
Noch war Willens Aleksa zu reden,
Doch der Henker Hess ihn nicht mehr sprechen,
Er riss das Schwert und enthauptet diesen.
Als da zwei der Kneze niederfielen 440
Mitten auf der Kolubara Brücke :
Knez Aleksa, Birčanin Ilija;
Hadži Ruwim in Mitte zu Belgrad,
Selben Tages und in selber Stunde :
Da verfinstert darob sich die Sonne. 445
Memed aga eilte nun zum Konak,
Auf damit er irgend wen noch treffe
Von den Serben, den er schlachten könnte.
Doch als diese all' den Jammer sahen,
Entflohen sie allsogleich vom Platze, 450
Niemand erschien mehr vor Memeg-aga.
Als dies Fočić Memed-aga merkte,
Sah er sogleich, wie schlecht er berathen,
Und er hatte es auch gleich bereuet,
Doch die Reue ist zu spät gekommen, 455
Nun da rief er seine zwölf Delias,
Und den Uzun seinen Kawedžija :
„Höret ihr denn, o ! ihr meine Falken!
„Schnell besteiget ihr die guten Rosse,
„Und eilet hin zum Topola Dorfe, 460
„Um den schwarzen Gjorgjije zu tödten:
„Denn so uns nun Gjorgjije entfliehet.
„Möget wissen, gut wird es nicht werden."
Als dies die zwölf Delias vernahmen,
Bestiegen sie gleich die guten Rosse, 465
Allen voran Uzun Kawedžija,
Und sie zogen zum Topola Dorfe,
Am Samstage, dem Vorabend Sonntags;

Langten dort an bei'm Anbruch des Sonntags,
Vor Morgenroth und dem hellen Tage; 470
Sie umringten den Herrensitz Gjorgjes,
Vorwärts drängend da von beiden Seiten,
Und sie riefen von allen zwei Seiten :
„Komme heraus, du Petrowić Gjorgje!"
Doch wer könnt' den bösen Drachen täuschen? 475
Oder selben gar schläfrig antreffen ?
Gjorgje, der Held, ist schon längst gewöhnet,
Vor Morgenroth zeitlich aufzubrechen,
Sich zu waschen und zu Gott zu beten,
Und je ein Glas Rakija zu trinken; 480
Viel zeitlicher hat ausgeruht Gjorgje,
Und er schritt da in die Erdgeschosse,
Als bei'm Hause er die Türken merkte,
Ging er ihnen nicht zum Gruss entgegen,
Doch es grüsst sie Gjorgjes junge Gattin: 485
„Gott mit euch da, diese Nacht, ihr Türken,
„Was suchet ihr hier um diese Stunde?
„Vor dem Hause war Gjorgje soeben,
„Hier da war er und er ging von dannen,
„Wo er hinging, gab er mir nicht Kunde." 490
Und der Gjorgje sehet dies und höret,
Als da Gjorgje die Türken abzählte,
Leert er das Glas und ladet.die Flinte,
Genug nahm er des Pulvers und Bleies,
Und so schritt er hin zu seinem Obor, 495
Zu den Hirten, deren zwölf ihm dienen;
Als er hinkam, weckte er die Hirten,
Und er sprach da zu den Hirten also:
„Meine Brüder, ihr der Hirten zwölfe !
„Erhebet euch und öftnet den Obor, 500
„Aus dem Obor treib't heraus die Schweine,
„Diese mögen wo sie wollen ziehen ;

„Doch ihr. Brüder, folget jetzt da meiner,
„Und ladet ihr die zierlichen Flinten ;
„Denn so Gott will, dass zutreffe jenes, 505
„Was ich heute zu vollführen wähne,
„Glücklich stellen werde ich euch alle,
„Euch verzieren mit Gold und mit Silber,
„Und bekleiden mit Sammt und mit Seide."
Kaum erwartet haben dies die Hirten, 510
Ans dem Obor trieben sie die Schweine,
Und ladeten die zierlichen Flinten,
Und sie folgten allsogleich dem Gjorgje.
Gjorgje zog nun g'rad zu seinem Schlosse,
Als mit Hirten er die Türken merkte, ' 515
Sprach da Gjorgje zu den Hirten also:
„Höret ihr nun, ihr der Hirten zwölfe!
„Jeder ziele je auf einen Türken
„Doch lasset nicht knallen die Gewehre,
„Bis vor allen mein Gewehr nich knallet, 520
„Uzun-Memed nehme ich aufs Korn,
„Werdet sehen, was aus ihm wird werden."
Also sprach da der Petrowić Gjorgje,
Beugt sich nieder, feuert los die Flinte,
Diese knallet, sie verhallt nicht spurlos; 525
Wo er zielte hat Gjorgje'getroffen,
Und todt stürzte Uzun von dem Schimmel.
Als da dieses die zwölf Hirten sahen,
Augenblicklich knallten zwölf Gewehre,
Und todt fielen sechs der Türken nieder, 530
Während sechse auf Rossen entflohen.
Sogleich rief nun Gjorgje durch Topola,
Und er werbet noch grössere Schaaren,
Innter spurweis trieben sie die Türken,
Ubd drängten sie zum Sibniza Dorfe, 535
Wo die Türken in den Han entflohen,
Weh', wenn sie da sich doch retten könnten!
Gjorgje schloss sie ein mit seinen Schaaren,
Und er rief nun zum Sibniza Dorfe,
Zu ihm eilen alle Sibnizaer; 540
Hundert Helden kamen da zusammen,
Gleich zündeten die Serben den Weiler,
Und drei Türken gingen auf in Flammen,
Während dreie vor sie hinausliefen.,
Und die Serben streckten die drei nieder. 545
Allüberall sendet Gjorgje Botschaft,
An sämmtliche sieb'zehn Städtekreise,
An die Kmeten, an die Ortsältesten:
„Jeder tödte seinen Unterbascha ;
„Weib und Kinder berget in Verstecke." 550
Als der Serben Häuptlinge dies hörten,
Gehorchten sie allsogleich dem Gjorgje :
Sie schwangen sich auf die leichten Füsse,
Umgürteten die zierlichen Waffen,
Jeder tödtet seinen Unterbascha, 555
Weib und Kinder in Versteck’ sie bergen.
Als die Serben Gjorgje aufgewiegelt
Und mit Türken bereits verfeindete,
Da durchstreifte die Nahien Gjorgje,
Er versenget türkische Wachthäuser, 560
Er zerstöret türkische Landhäuser.
Und er stürmet die türkischen Städte,
Er brennt nieder alle Tür'censtädte,
Stellt unter's Schwert was männlich und weiblich,
Arg zerkriegt er die Serben und Türken. 565
Diese meinen, ein Scherz sei die Raja,
Doch Festungen beugen sich der Raja,
Sie spriesst hervor, wie das Gras der Erde,
Drängt die Türken hinter Festungswälle;
Gjorgje eilet von Feste zu Feste, 570

Und er rufet überall die Bürger: „Höret ihr denn, ihr türkischen Bürger !
„Den Festungen öffnet ihr die Thore,
„Geb't unter euch heraus die Tirannen,
„So ihr wollet in Ruhe verbleiben, 575
„Und dem Zaren die Festungen schonen ;
„Detm, wo ihr nicht auslieferen solltet,
„Unter euch da die Türken Tirannen,
„Diese Wälle hat Raja erbauet,
„D'ran gebauet durch neun volle Jahre, 580
„Sie vermag sie tagsüber zu schleifen,
„Und anbinden den Streit mit dem Zaren ;
„Und so wir uns mit dem Zar zerkriegen,
„Mögen sieben. Könige da kommen,
„Roh' zu stiften, — Fried' wird es nicht geben: 585
„Wir schlagen uns bis zum letzten Manne."
Da zerflossen die Türken in Thränen,
Und sie sprachen zu dem Gjorgje also :
„O ! Beg Gjorgje, Oberhaupt Serbiens !
„Wir geben euch was Raja begehret, 590
„Verschonet ihr Festungen des Zaren,
„Und lasset ab vom Streit' mit dem Zaren,
„Hier, da hab't ihr die Türken Tirannen."
Da erhoben sich die Türken Bürger,
Den Festungen öffnen sie die Thore, 595
Und liefern heraus die Tirannen,
Die Tirannen, türkische Vielfrasse,
Sie preisgebend den serbischen Händen.
O lieber Gott! und du Gottesmutter !
Als der Serben wohlgepflegte Hände 600
Die Türken da die Tirannen packten,
Und dieselben aus einander jagten,
Längst dem Felde nur halb angekleidet,
Ohne Pelzröck' und ohn' Unterröcke,
Ohne Turbans, in den kleinen Mützen, 605
Ohne Stiefel und ohne Pantoffel,
Nackt und barfuss' ereilt sie der Topuz :
„Wohlan. Bruder ! wo ist uns're Steuer ?"
Mitten im Feld' zieht den Säbel Gjorgje,
Säbelt nieder die Tirannenköpfe. 610
Und als Gjorgje niederhieb die Türken,
Sie niederhieb die Türken-Tirannen,
Da bezog nun die Festungen Gjorgje;
So es Türken darinnen gegeben,
Strafwürdige weihet er dem Schwerte ; 615
Liefert die aus, die dazu beschaffen ;
Und tauft jene, die taufwürdig waren.
Als da Gjorgie Serbien befreite,
Uad Serbien mit dem Kreuz' gesegnet,
Und mit seinen Fittigen beschirmet, 620
Von Widin aus bis zum Flusse Drina,
Vom Amselfeld bis zur Belgrads Feste.
Da sprach Gjorgje zu der Drina also:
„Do Fluss Drina ! du edle Grenzscheide,
„Die Bosnien von Serbien scheidet ! 625
„Gar bald wird auch die Zeit herankommen,
„Wo ich auch dich überschreiten werde,
„Und das schmucke Bosnien besuche!"